Café

Szenen im Café

Meine besondere Gabe ist, auf meinen Reisen innerhalb kürzester Zeit das beste Café am Ort zu entdecken. Dafür habe ich einen geschulten Blick entwickelt. Wie viele Stunden habe ich in gemütlichen Kaffeehäusern verbracht.

Allein oder mit Freunden, zur Erholung von einer Sight-Seeing-Tour, wartend auf eine Verabredung, zur Überbrückung der Zeit zwischen zwei Terminen. Ein Buch lesend oder Tagebuch schreibend.

Hin und wieder lausche ich den Gesprächen am Nachbartisch und fühle mich wie ein heimlicher Voyeur. Dann wieder registriere ich, dass Paare lange Gesprächspausen haben oder sich gar nichts mehr zu sagen.

Fasziniert beobachte ich junge Mütter mit ihren Kindern. Wird sich mein Vorurteil bestätigen, dass die meisten der heutigen Kinder kleine Monster sind?

Nein, heute habe ich die erfreuliche Gelegenheit, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Eine Mutter mit zwei Kindern setzt sich zu mir auf das Sofa. Kinder für die ‚Danke ‚ und ‚Bitte’ keine Fremdwörter sind. Ich schaue mir die Mutter genauer an und spüre eine tiefe Freude beim Zuschauen, mit welch großer Liebe und Geduld sie auf ihren Nachwuchs eingeht.

Die Kellnerin bringt meine Bestellung, zwei Stück Kuchen. Ob der Geschmack hält, was das Aussehen versprach? Ja, beide sind gleichermaßen köstlich. Das zweite Stück war jedoch wieder mal zu viel, was ich leider erst bemerke, nachdem ich es bereits gegessen habe.

Erinnerungen werden wach. Hier in diesem Café bekam ich meine ersten italienischen Nachhilfestunden. Wie stolz war ich während meiner anschließenden Reise nach Mailand. Meine mickrigen Sprachkenntnisse zauberten ein Lächeln auf die Gesichter der Italiener. Die Freude vergoldete den Tag und mein Aufenthalt in Mailand gestaltete sich zu einem einzigen bunten Fest.

Szenenwechsel

Café Sacher in Wien. Ich liebe diese plüschige, pudrige Atmosphäre, bei der mein Freund einen Anfall bekommt. Die eleganten Damen, die ihren Hut aufbehalten und sich durch das Kuchenbüfett schlemmen. Zeitungsleser, die mit verträumtem Blick ihren „Wiener Melange“ oder „Mokka“ schlürfen. Ein verliebtes Paar turtelt glücklich und versinkt dabei in seinem eigenen Universum. Mit einer russischen Ärztin ergibt sich eine interessante und lebendige Unterhaltung, dieser Augenblick ist vollkommen.

Der Besuch eines Cafés hat für mich etwas von verwöhnen, entspannen, Gemütlichkeit und faulenzen.

Eine kurze oder auch längere Auszeit aus dem Alltagstrott, eine Rast mit einem hohen Genussfaktor, ein sinnliches Erlebnis, Balsam für meine Seele.

Die italienische Kaffeekultur hat sich bis in den letzten Winkel der Welt verbreitet, welch eine Offenbarung auf meinen Reisen durch ferne Länder.

Wie dankbar bin ich für meine Gabe, gute Cafés aufzuspüren und für den Erhalt der Kaffeehaus-Kultur.