Cappuccino

Cappuccino bellissimo

Wer nicht ganz genau hinsieht, der läuft an der kleinen Panama-Kaffebar in der Lister Meile glatt vorbei. Er ahnt natürlich auch nicht, was ihm dabei entgeht.

Cappuccino - der Treibstoff Italiens. Traditionell beginnt der Tag in Italien mit einem Cappuccino in der Bar auf dem Weg zur Arbeit. Dazu gibt es ein süßes Cornetto, ein Hörnchen oder Ähnliches. Das Ganze im Stehen. Das ist billiger. Und diese angenehme italienische Lebensart kann man auch hierzulande genießen. In Hannover. Auf der Lister Meile. Im Panama.

Es ist definitiv das beste Café in der List. Geöffnet im Frühling, Sommer Herbst und Winter. Montag bis Samstag. Von 8.00 bis 19.00. Sonntag Ruhetag.

Heute ist Samstag, der 19. April, 15.45 Uhr. Geöffnet.

Eine quirlige Atmosphäre empfängt mich. Stimmen-

gewirr, Musik, angenehm leise, als Untermalung optimal. Es duftet angenehm nach Kaffee und Schokolade. Hier fühle ich mich sofort wohl und gut aufgehoben. Auf Anhieb der richtige Platz für eine Atempause.

Mit rund 60 Quadratmetern ist es etwas eng. Bei Temperaturen über 15 Grad kann man auch draußen sitzen, sagt eine nette Dame neben mir. Heute allerdings nicht. Es ist zu kalt. Gefühlte 5° Grad plus. Die anderen Kaffeeliebhaber müssen ebenso fühlen wie ich. Zumindest, was die Temperaturen angeht. Denn es ist voll. Es gibt keine Sitzplätze. Hier steht man - an weißen Tischen, die in den Raum hineinragen oder die als eine Art Konsole an der Wand befestigt sind. Wer einen Platz am Fenster ergattert hat, kann das bunte Treiben auf der Lister Meile beobachten, ohne selbst in Augenschein genommen zu werden.

Fünf Leute stehen vor mir. Sie warten geduldig, bis sie an der Reihe sind und bestellen können. Die Theke reicht über die gesamte Raumbreite. Ca 6 m lang.

Bitte? fragt die nette Bedienung. Lächelt und wartet.

Einen Cappuccino, bitte.

Gerne

Sie dreht sich um und beginnt mit einer wunderbaren ästhetischen Inszenierung des Cappuccinozubereitens. Cappuccino bellissimo.

Italienische Lebensart, Design, Genuss – Urlaubsfeeling, wie auf einer Piazza.

Sie schäumt die Milch auf. Anschließend mahlt sie den Espresso und brüht ihn ebenfalls auf. Fast hingebungsvoll lässt sie ihn in eine dickwandige Porzellantasse fließen. Dann der Milchschaum. Ich genieße den Anblick, wie sich der weiße Schaum vor meinen Augen sanft mit dem dunkelbraunen, fast schwarzem Espresso mischt. Harmonisch, wie eine italienische Symphonie spielen Kaffee und Milchschaum im Duett mit all meinen Sinnen.

Am Rand – eng umgrenzt – entzückt  mich das Andante - eine leicht dunkelbraune Farbkomposition aus Milch und Kaffee. Dann erstrahlt der Milchschaum plötzlich wieder weiß - wie unberührter Schnee. Auf dem Weg zur Mitte wandelt er sich zu einem lustig heiterem Allegro - liebevoll zart bräunlich, um schließlich in der Mitte der Tasse als Schaumhaube in einem leidenschaftlichen Furioso zu münden. Perfekt. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Die Vorfreude auf den Genuss ist unbeschreiblich. Die Bedienung ist auch zufrieden. Sie lächelt ihre Kreation an. Die Krönung dieses Meisterwerkes ist ein zusätzlicher Kaffeeschuss in den Milchschaum. Er erzeugt das charakteristische italienische Herzmuster.

Sie hebt ihren Kopf und strahlt mich an. Ich möchte Beifall klatschen. Traue mir aber nicht. Ich bin begeistert. Sie scheint es zu spüren. Sie schiebt ihr Kunstwerk „Cappuccino bellissiomo“ vorsichtig zu mir, so als wolle sie das Herz nicht zerstören. Sie flüstert: 2 Euro.

Bernd Niebuhr